Markthallen als Dritte Orte

 

Seit etwa 15 Jahren kann man eine Renaissance der Markthalle in Deutschland, in Europa und international beobachten. Hierzulande sind Markthallen inzwischen wieder selbstverständlicher Bestandteil kommunaler, urbaner Infrastrukturen.

Dabei sind Markthallen eigentlich ein Konzept aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die Städte sich in rasantem Wachstum befanden und drängende Probleme der Nahversorgung mit Lebensmitteln, der Hygiene und der Logistik zu lösen waren. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in der alten Bundesrepublik Markthallen oft funktionslos; es erfolgte bestenfalls eine Umnutzung, oft der Abriss.

Heute beobachten wir, dass alte, ehemalige Markthallen-Gebäude mit neuen Konzepten revitalisiert werden, neue Markthallen konzipiert und gebaut und leerstehende Innenstadt-Immobilien zu kleinen Markthallen umfunktioniert werden.

Denn mehr und mehr Bürgerinnen und Bürger wollen genauer wissen, woher ihre Lebensmittel kommen, wie sie hergestellt werden und mit welchen Folgen für die Tiere, die Umwelt, das Klima und die beteiligten Menschen. Nähe zur Produktion und zum Produzenten, die Geschichten und Gesichter hinter den Erzeugnissen, Transparenz, Glaubwürdigkeit, Regionalität, kurze Wege, Handwerklichkeit, Qualität und Genuss – die neue Markthalle steht genau im Schnittpunkt starker gesellschaftlicher Trends.

Im Jahr 2010 hat der Beauftrage der Bundesregierung den Städten in den Neuen Bundesländern den Bau kleiner Markthallen empfohlen. Viele Innenstädte hätten, so die Argumentation, ihre „Mitte“ verloren, teilweise sei der soziale Zusammenhalt gefährdet. In der Empfehlung wird sehr richtig ein dreifacher Zusammenhang erkannt zwischen

  • lokal produzierten Lebensmitteln, in denen sich das Selbstverständnis einer Region spiegelt,
  • einer Markthalle als Ort der Zugehörigkeit, der Identifikation und des gemeinschaftlichen Erlebens, sowie
  • der Markthalle als Beitrag zur wirtschaftlichen Stärkung der Region.

Tatsächlich können Markthallen ein ganz anderes Erlebnis beim Einkaufen bieten als der Supermarkt oder die Shopping-Mall. Wer einmal eine Markthalle in Spanien, Portugal oder Italien besucht hat, kennt die Eindrücke, die die Fülle der angebotenen Waren auslösen, die betriebsame Atmosphäre, die Farben und Gerüche. Die Markthallen des Südens sind heute noch nicht nur Einkaufsorte, sondern auch wichtige soziale Orte, zu denen auch Imbissangebote, Cafés und Sitzmöglichkeiten zum Verweilen gehören.

In den modernen Shopping-Malls finden wir zwar auch Gastronomie, und auch die Verweildauer ist höher. Die Mall bleibt jedoch immer und vor allem ein privatrechtlicher Verkaufsort – im Gegensatz zu einer Markthalle, zumal einer kommunal betriebenen Markthalle, in der die Bürger und Bürgerinnen erwarten, dass sie eingelassen werden, sich umsehen und aufhalten können, auch wenn sie über wenig Geld im Portemonnaie verfügen oder keinen Großeinkauf beabsichtigen. Eine Markthalle ist als Einkaufsort in der Tendenz stets auch ein öffentlicher Ort, an dem sich Öffentlichkeit im Austausch und im Miteinander der Besucher entfaltet.

Markthallen werden deshalb wie Kultureinrichtungen oft als „Dritte Orte“ bezeichnet, als gestaltete Lebensräume, wo Menschen sich auf Augenhöhe begegnen, vielfältige Erfahrungen machen, mit neuen Ideen vertraut werden, Anregungen erhalten, Emotionalität leben und Gemeinschaft erleben. Die Idee der Dritten Orte wird derzeit wieder viel diskutiert, wo es um die Gefahr des Auseinanderdriftens der Gesellschaft geht. Die Bedeutung von Markthallen für das gesellschaftliche Miteinander zeigt sich exemplarisch in Bochum, wo im Ergebnis eines breiten Bürgerdialogs zur Zukunft der Stadt die Einrichtung einer Markthalle ganz oben auf der Wunschliste der Bürgerinnen und Bürger steht.

Bedürfnisse und Motive sind dabei in Ost und West durchaus unterschiedlich. Auch in Ostdeutschland ist der Wunsch, Lebensmittel aus der Region kaufen, stark ausgeprägt, weil in den neu entstandenen Supermärkten und Einkaufszentren bäuerliche Erzeugnisse aus dem Umland wie Gemüse, Kartoffel, Eier, Obst und Fleisch anfangs keinerlei Zugang hatten. Dies hat sich inzwischen etwas gebessert. Oft jedoch kommen die vermeintlichen Regionalprodukte aus undurchschaubaren Quellen von weit her.

Deshalb wird auch in Mecklenburg-Vorpommern in mehreren Städten über neue Markthallen diskutiert, so in Stralsund, Greifswald, Rostock und Sassnitz. In Sassnitz ist die Entwicklung am weitesten gediehen, da die Stadtvertretung bereits einen entsprechenden Grundsatzbeschluss gefasst hat (im Anschluss hat das Büro für kulinarische Maßnahmen 2018/2019 im Auftrag der Stadt ein Konzept für eine Markthalle vorgelegt).

Die Auswertung zeigt, dass sich hierzulande sowohl kleine wie große Markthallen in Kommunen ganz unterschiedlicher Einwohnerzahl durchaus wirtschaftlich erfolgreich betreiben lassen. Die Größe der Halle und der Stadt sind keine entscheidenden Erfolgsfaktoren. Dennoch ist oft ist aus Stadtverwaltungen oder von privaten Investoren die Befürchtung zu hören, eine Markthalle könnte ein Dauer-Zuschuss-Projekt sein. Die Frage lautet also: Können Markthallen heute wirtschaftlich betrieben werden? Die Antwort: Mit einem angepassten Konzept eindeutig Ja.

Der Vergleich von Markthallen in Deutschland und Europa zeigt, dass es nicht das eine erfolgreiche Markthallen-Konzept gibt, sondern dass Pläne und Profile jeweils an den Standort angepasst werden müssen. Dies gilt nicht zuletzt auch für die Architektur, die Infrastruktur und die Innengestaltung der Halle.

Wichtig ist, dass die Entscheider, ob Investoren oder städtische Verwaltung, die Stellschrauben kennen und zu bedienen wissen, mit denen das Profil der Markthalle auf die Gegebenheiten vor Ort anpasst, gesteuert und immer wieder nachjustiert werden können. Nur so können gravierende Fehlentwicklungen vermieden und die sich wandelnden Ansprüche und Bedarfe aller beteiligten Stakeholder produktiv gemacht werden.

Die neue Markthalle ist nicht statisch, sondern immer in Bewegung, und sie braucht ein wandelbares, lernendes Konzept. – Das Einfach, das schwer zu machen ist.

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